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"Bücher lesen heisst, wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über die Sterne" (Jean Paul)


Gefühl und Mitgefühl: Emotionale Achtsamkeit und der Weg zum seelischen Gleichgewicht.  

Autoren Tenzin Gyatso (14. Dalai Lama), Paul Ekman
Verlag Spektrum Akademischer Verlag/Auflage 1 (Juli 2009)
Gebundene Ausgabe 354 Seiten
ISBN 3827421179

 

 

 

 

Schlagwörter

Emotionen, Achtsamkeit, seelisches Gleichgewicht, Buddhismus, Persönlichkeitsentwicklung

Zusammengefasst

Ein Blick in die Tagesmedien reicht aus: Die Konsequenzen von negativen Emotionen sind für uns tagtäglich zu spüren - Pessimismus, Zermürbung, Gewalt, Streit und Krieg, Burnout, Mobbing und innere Kündigung in Unternehmen. Mit Konfliktmanagement, Mediation und Stressmanagementkursen kann vielleicht das eine oder andere abgepuffert werden. Man kann hingegen auch grundsätzlicher fragen: Lässt sich mit einem fähigen Umgang mit Emotionen nicht viel Leid vermeiden und Produktivität sowie Zufriedenheit verbessern?

Für viele mag diese Frage befremdlich klingen. Betonen wir doch im Westen durch die philosophische Aufklärung stark den Verstand. Man soll sich seines Verstandes bedienen und skeptisch sein; der kritische, mündige Bürger ist uns ein Ideal. Und als kritisch gilt, dass auf logisch-kausalen Überlegungen nachvollziehbar ist.  Emotionale Wirklichkeiten haben hier keinen Platz. Sie erscheinen uns als zu archaisch und impulsiv. Dies hat auch auf die Psychologie als Wissenschaft abgefärbt. Erst in den letzten Jahren geraten die Emotionen verstärkt wieder in den Fokus. Der reissende Absatz des Buches Emotionale Intelligenz von Daniel Goleman liefert hier den sichtbaren Beweis. Und da passt es natürlich ganz hervorragend, dass derselbe Autor das Vorwort für dieses Buch Gefühl und Mitgefühl der Autoren Tenzin Gyatso, 14. Dalai Lama&Friedensnobelpreisträger, und Paul Ekman, emeritierter Professor der University of California und weltweit führender Emotionspsychologe, verfasst.

Aber was soll da schon herauskommen, wenn zwei alte Männer mit über 70 Lebensjahren sich stundenlang unterhalten? Etwa: Früher war ja alles ohnehin besser? Oder: Die heutige Jugend taugt nichts? Der Leser wird von diesem Buch, dessen sieben Kapitel 39 Stunden Dialog zusammenfassen, überrascht sein.  Das Buch liefert interessante und neue Einsichten sowie Erkenntnisse; insbesondere für uns Westler! Zentrales Thema ist der intelligente Umgang mit Emotionen. Und da kommt der Buddhismus gerade recht. Denn in ihm wurden Mitgefühl und Achtsamkeit schon immer wertgeschätzt und in einer jahrtausendealten Tradition gepflegt und fortentwickelt. Um es einmal anschaulich auszudrücken: Wie kann man lernen, emotional nicht auszurasten? Erleben doch viele, dass sie von Emotionen quasi überrannt werden und diese sich automatisch ereignen.  Mit einem rationalen Weltverständnis lassen sich solche Phänomene natürlich schwer erklären. Wäre es etwa möglich, da eine Art Luftanhalten als Unterbrechung einzufügen? Damit man noch einmal überlegen kann, ob man so reagieren möchte und welche Folgen es haben würde? In der Meditationspraxis wird so etwas gelehrt und eingeübt, so dass es in Fleisch und Blut übergeht. Daher kreist der Dialog der beiden Autoren auch immer wieder um das emotionale Gleichgewicht. Und eine Schlussfolgerung ist, dass wir im Westen eine Art emotionale Aufklärung benötigen.

Aber auch anderes ist interessant, nämlich wie sehr Sprache unser Denken und Fühlen bestimmt. Wenn Eskimos zig Ausdrücke für Schnee kennen und westliche Städter nur einen, so kann man sich vorstellen, um wie viel differenzierter man auch mit Emotionen umgehen kann, wenn man sich eben nur damit beschäftigt.

Und dann ist Sprache natürlich auch ganz entscheidend für die Modellbildung in den Wissenschaften. Das kritische Hinterfragen des Dalai Lama zeigt immer wieder auf, wie sehr wir Westler auf unserer Rille unterwegs sind und meist nicht links noch rechts schauen. Paul Ekman zeigt sich dankbar für solche Impulse, weil sie ihn zu neuen Forschungsfragen anregen.

Ekman gibt auch Einblick in die Szene der Wissenschaftler, die sich mit buddhistischer Philosophie beschäftigen, und in entsprechende Forschungsprogramme. Und er gibt zudem Einblick ins eigene Gefühlsleben. So berichtet er beispielsweise von einem eigenen emotionalen Damaskus-Erlebnis.

In dieser Rezension können nicht alle Aspekte angesprochen werden, die auf über 300 Seiten auftauchen. Die einzelnen Kapitel ergeben durchaus eine Dramaturgie, indem bei den Ost-West-Unterschieden begonnen wird, dann das Erleben von Emotionen in den Mittelpunkt gestellt wird, um auf den Wert des emotionalen Gleichgewichts zu kommen. Als zentrales Kapitel erscheint das über Ärger, Groll und Hass. Das leitet über zum Mitgefühl, welches im sechsten Kapitel auf den globalen Kontext ausgeweitet wird. Das letzte Kapitel hat den Titel Persönliche Wandlung. Es schließen sich Anmerkungen, eine Danksagung und ein Index an.

Fazit

Dieses Buch wird vermutlich keine allzu breite Leserschaft ansprechen und eher nicht in den konsumorientierten Bestsellerlisten landen. Und dennoch kann das Buch all jenen Menschen zum Lesen empfohlen werden, die ein grundsätzliches Interesse für gesellschaftliche Entwicklungen und das Zusammenleben haben. Ein Buch vielleicht eher für ruhigere Stunden. Und keines der Sorte In 30 Minuten glücklich und stressfrei sein. Dieses Buch entfaltet eher eine nachhaltige Wirkung nach dem Motto: Wenn Du es eilig hast, dann gehe langsam.

(Verfasser: Marcus Näher, Lifewheel Innovative Coaching, CH-9434 Au (SG)/ Oktober 2009)

 

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